Zwei Seiten des Evangeliums: Segen und Verantwortung

Zwei Seiten des Evangeliums: Segen und Verantwortung

Autor: Markus Rex

 

Vor mehr als 50 Jahren kam die sogenannte Glaubenslehre unter Kenneth E. Hagin auf. Die Betonung lag dabei auf dem Segen der Erlösung, der für das gegenwärtige Leben der Gläubigen bestimmt ist. Die Kernbotschaft lautete, dass neben dem ewigen Heil die Erlösung unter anderem auch Heilung, Versorgung und Bewahrung mit einschließt.

 

Das begann alles in einer Zeit, als die Hingabe an Gott, ein heiliger Lebenswandel und die Gemeindeversammlung groß geschrieben wurden. Manchmal gab es über viele Woche tägliche Abendveranstaltungen – und die Gemeindeglieder waren dabei. (Wobei wir uns heute vielleicht fragen, ob sie damals noch ein Familienleben kannten.) Sie nahmen die Heiligung so ernst, dass sie bei einer bloßen Notlüge oder wenn ihnen mal ein schmutziges Wort herausrutschte, ihr Heil in Gefahr sahen. (Wobei wir heute vielleicht über diese »Kleinigkeiten« nur müde lächeln.)

 

Gott und sein Reich standen an erster Stelle. Alles andere ordneten sie dem unter. Jesus sagte: »Trachtet vielmehr zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch dies alles hinzugefügt werden!« (Matth 6,33). Durch die Glaubens- und Wohlstandslehre wurde jetzt der zweite Teil dieses Verses mehr ins Bewusstsein gerückt: »… so wird euch dies alles hinzugefügt werden«. Der Vater im Himmel möchte, dass es uns, seinen Kindern, gut geht. Er weiß, was wir zum Leben brauchen und möchte uns mit allem versorgen (Matth 6,32).

 

Die Glaubensbotschaft betont: »Durch deinen Glauben kannst du den vollen Segen Gottes in Anspruch nehmen. Also wachse im Glauben, damit du gesegnet bist.« Jesus sagte doch: »Alles, was ihr auch immer im Gebet erbittet, glaubt, dass ihr es empfangt, so wird es euch zuteilwerden!« (Mark 11,24). An dieser Botschaft hat sich bis heute nichts geändert. Sie ist immer noch wahr. Aber die Zeiten haben sich dramatisch verändert. Die Menschen sind inzwischen individualistischer geworden. Auch Gläubige sind mehr am persönlichen Glück interessiert, als an Gottes Anliegen.

 

Wenn jetzt, losgelöst von Heiligung und Gottesdienst, der Fokus allein darauf liegt, durch Glauben gesegnet zu werden, geht das am Evangelium vorbei. Das Evangelium beinhaltet nämlich beide Seiten: Segen und Verantwortung. Die Frage ist also: Sind wir erlöst worden, damit wir besser bzw. gesegneter leben können, oder ist der Segen der Erlösung dazu da, um Gott besser zur Verfügung zu stehen und ihm effektiver zu dienen?

 

Je nachdem wie diese und ähnliche Fragen beantwortet werden, sieht das jeweilige Lebenskonzept aus, so dass der Fokus entweder auf das Gesegnetsein oder auf das Dienen gerichtet ist. Es geht um die Frage: Wer oder was kommt zuerst? Stehen meine Bedürfnisse und Wünsche oder Gottes Interessen im Vordergrund? Dreht sich alles um mich oder geht es vor allem um Gott und sein Reich?

 

Jesus ging zu Petrus nachhause und heilte seine Schwiegermutter vom Fieber. Nachdem es ihr wieder gut ging, wird von ihr gesagt: »… und sie stand auf und diente ihnen« (Matth 8,15). Unter den Nachfolgern Jesu gab es auch viele wohlhabende Leute, »die ihm dienten mit ihrer Habe« (Luk 8,3). Wie ist es bei dir? Willst du gesund sein bzw. werden, um besser Golf spielen zu können oder um deine Arbeit in der Gemeinde tun zu können? Soll sich dein Einkommen vermehren, um mehr Urlaub machen zu können oder um Mission zu unterstützen?

 

Gottes Wille und seine Anliegen sollen an erster Stelle stehen. Das äußert sich dann auch darin, dass wir bestrebt sind, immer mehr so zu leben, wie es ihm gefällt. Im Reich Gottes ist Jesus König und Herr. Das bedeutet: Er ist die Nummer eins. Er hat das Sagen und wir richten uns danach. Wenn er mal unseren Besitz, unsere Zeit oder unsere Fähigkeiten benötigt, sollten wir ihm bereitwillig damit zur Verfügung stehen. Das macht den deutlichsten Unterschied zwischen Christen und Nicht-Christen aus. Wenn wir uns zuerst um Gottes Interessen kümmern, dann wird er für unsere Belange sorgen.

 

Wir dürfen und sollen also darauf vertrauen, dass unser himmlischer Vater für uns sorgt. Nun gibt es viele Bedürftige in den Gemeinden, die deshalb an Gott glauben, damit ihrem Mangel begegnet wird. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch legitim. Viele Menschen sind gläubig geworden, weil sie Heilung erfahren haben. Andere haben Gottes Hilfe erlebt, als sie in einer Notlage waren. Daraufhin öffneten sie ihm ihr Herz und kamen so in das Reich Gottes hinein.

 

Nachdem sie jetzt Jesu Nachfolger geworden sind, darf der Fokus aber nicht mehr nur auf ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche gerichtet sein, wie es bei manchen der Fall ist. Sie glauben nur an Gott, solange sie gesegnet werden bzw. weil sie sich dadurch ein immer besseres Leben versprechen. Wenn dann Dinge im Leben nicht so ganz nach ihren Wünschen laufen, zweifeln sie an Gott oder klagen ihn sogar an. Unser Glaube hat doch einen höheren Wert, als nur den zeitlich begrenzten irdischen Segen. Wir folgen doch Jesus nach, weil wir ihn lieben und dankbar für die Erlösung sind.

 

Neben den Bedürftigen gibt es auch die Wohlhabenden. Über sie sagte Jesus: »Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes eingehen! … Kinder, wie schwer ist es für die, welche ihr Vertrauen auf Reichtum setzen, in das Reich Gottes hineinzukommen! Es ist leichter, dass ein Kamel durch das Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das Reich Gottes hineinkommt« (Mark 10,23-25).

 

Erfolgreiche und wohlhabende Menschen brauchen Gott eigentlich nicht für die Stillung ihrer Bedürfnisse und Wünsche. Ob der Bedürftige seinen ganzes Geld weggibt oder behält – er hat so oder so zu wenig. Dem Wohlhabenden vermittelt sein Besitz aber Sicherheit. Deshalb fällt es ihm schwerer, sich davon zu trennen. Sollte das mit dem Gottvertrauen nicht »funktionieren«, hat er mehr zu verlieren, als der Arme. Aber »bei Gott sind alle Dinge möglich« (Mk 10,27). Auch sie können gerettet werden.

 

Ein wohlhabender Christ muss lernen, von jetzt an Gott zu vertrauen. Er muss lernen, dass der höhere Zweck seines Lebens nicht länger darin besteht, privat immer reicher zu werden, sondern das Reich Gottes zu bauen. Wenn das zu kurz kommt, geschieht es sehr leicht, dass Gott in seinem Leben immer mehr in Vergessenheit gerät und immer weniger eine Rolle spielt, denn für seinen Lebensunterhalt braucht er Ihn ja nicht.

 

Einmal wurde eine Erbstreitigkeit vor Jesus gebracht, worauf er antwortete »Habt acht und hütet euch vor der Habsucht! Denn niemandes Leben hängt von dem Überfluss ab, den er an Gütern hat.« (Luk 12,15). Daran anschließend erzählt er das Gleichnis vom reichen Narren, der meinte, gut vorgesorgt zu haben. Leider hatte er Gott dabei vergessen. Weil er in der kommenden Nacht sterben wird, kann er das angesparte Gut nicht mehr genießen. »So geht es dem, der für sich selbst Schätze sammelt und nicht reich ist für Gott!« (Luk 12,21).

 

Wir müssen uns der Gefahr bewusst sein, dass sich unser Herz an unseren Besitz hängen könnte. Das Neue Testament warnt uns beständig vor Geldgier und Habsucht und ermahnt uns, unser Vertrauen nicht auf irdische Güter zu setzen, sondern auf den lebendigen Gott. (Und das gilt, egal wie viel Geld wir gerade haben).

 

Dem reichen Jüngling in Markus 10 hatte Jesus eine Radikalkur verordnet. Er sollte alles verschenken und Ihm nachfolgen. Dieser Herausforderung war er nicht gewachsen. Wir dürfen nun nicht die falschen Schlüsse daraus ziehen und womöglich aus Selbstschutz Wohlstand ablehnen. Die größere Herausforderung besteht nämlich darin, viel zu besitzen und gleichzeitig frei von Habsucht zu sein. Sollte es für das Reich Gottes erforderlich sein, bist du sofort bereit, etwas oder auch alles von deinem Hab und Gut loszulassen.

 

Der Apostel gab sich ganz dem Dienst für Gott hin. Es ging ihm vor allem darum, für Ihn Frucht zu bringen, unabhängig davon, ob es ihm nun gut oder schlecht ging. »Nicht wegen des Mangels sage ich das; ich habe nämlich gelernt, mit der Lage zufrieden zu sein, in der ich mich befinde. Denn ich verstehe mich aufs Armsein, ich verstehe mich aber auch aufs Reichsein; ich bin mit allem und jedem vertraut, sowohl satt zu sein als auch zu hungern, sowohl Überfluss zu haben als auch Mangel zu leiden. Ich vermag alles durch den, der mich stark macht, Christus.« (Phil 4,11-13)

 

Das Ziel des Evangeliums von Jesus Christus ist nicht unser materielles Wohlergehen, sondern dass wir voll und ganz für Ihn leben. Wenn wir in dieser Weise nach dem Reich Gottes trachten, dann dürfen wir auch materielle und andere Segnungen erwarten, in Empfang nehmen und genießen, so wie es in 1 Timotheus 6,17 gesagt wird: »Den Reichen in der jetzigen Weltzeit gebiete, nicht hochmütig zu sein, auch nicht ihre Hoffnung auf die Unbeständigkeit des Reichtums zu setzen, sondern auf den lebendigen Gott, der uns alles reichlich zum Genuss darreicht.«

 
 

Monat 08-2016 wugffo.de