Die Menschenlinie Jesu

Die Menschheitslinie Jesu

Autor: Markus Rex

 

Lukas 3,23

Und Jesus war ungefähr 30 Jahre alt, als er begann; er war, wie man meinte, ein Sohn Josephs …

 

Römer 1,3-4

… nämlich das Evangelium von seinem Sohn, der hervorgegangen ist aus dem Samen Davids nach dem Fleisch und erwiesen ist als Sohn Gottes in Kraft nach dem Geist der Heiligkeit durch die Auferstehung von den Toten, Jesus Christus, unseren Herrn …

 

Jesus ist der Sohn Gottes. Daran darf es für uns keinen Zweifel geben. Trotzdem kam er als Mensch auf die Erde. Jeder Mensch hat einen Stammbaum bzw. Vorfahren, die über Noah bis auf Adam zurückreichen. Das war auch bei Jesus so.

Geschlechtsregister waren bei den Juden von jeher äußerst wichtig. Damit konnten sie ihre Herkunft und Zugehörigkeit zum Volk Gottes und somit auch ihre Erbberechtigung nachweisen. Bei den zwei überlieferten Geschlechtsregistern von Jesus in den Evangelien nach Matthäus und Lukas stoßen wir allerdings auf ein Problem. Sie stimmen nämlich auf den ersten Blick nicht völlig überein, wie wir gleich sehen werden. Der besseren Übersicht wegen sind nur die wesentlichsten Vorfahren parallel nebeneinander gestellt. Die voneinander abweichenden Namen sind dabei fettgedruckt.

 

nach Matthäus 1

Abraham – David, Salomo – Jechonja, Sealthiel, Serubabel – Matthan, Jakob, Joseph, Jesus

 

nach Lukas 3

Abraham – David, Nathan – Neri, Sealthiel, Serubabel – Matthat, Eli, Joseph, Jesus

 
 

Warum wurde der Stammbaum Jesu so unterschiedlich wiedergegeben? Wegen solcher und anderer Ungereimtheiten haben manche schon ihre Zweifel geäußert, ob die Bibel wirklich unfehlbar ist. Nur, wenn die Bibel an einer Stelle fehlerhaft ist, wer will dann festlegen, wo wir ihr noch glauben können?

 

Nebenbei bemerkt: Bei scheinbaren Widersprüchen bzw. Ungereimtheiten in der Bibel, sollten wir immer eine lernende Haltung behalten. Wenn wir glauben, dass Gottes Wort wahr ist, müssen wir auch glauben, dass es für alles eine Erklärung gibt, die wir nur manchmal noch nicht kennen. So habe ich mich als Kind immer darüber gewundert, warum die Frau von hinten an Jesus herantrat und ihm die Füße salbte, während er aß (Luk 7,36-38). Denn wenn wir essen, sitzen wir normalerweise auf einem Stuhl, und dann sind die Füße vorn. Erst viel später habe ich gelernt, dass die Menschen damals “zu Tisch” gelegen haben, und somit waren die Füße hinten.

Dann wird in dem einen Evangelium von zwei Blinden berichtet, die Jesus heilte und in dem anderen wird nur ein Blinder genannt (Mark 10,29ff.; Luk 18,35ff.). Außerdem trifft Jesus auf den Blinden nach dem einen Bericht, als er von Jericho weiter zieht und nach dem anderen Bericht , als er gerade hineingeht. Nun, wahrscheinlich hat es damals zwei Städte namens “Jericho” gegeben. Einmal das Jericho, das bei der Eroberung Kanaans zerstört und später wieder aufgebaut wurde (1 Kön. 16,34). Zur Zeit Jesu müssen hiervon mindestens die Ruinen noch vorhanden gewesen sein. Und zum anderen eine Stadt, die von Herodes d.G. gegründet wurde. Diese Stadt lag etwa eineinhalb Kilometer vom alten Jericho entfernt. Die Begegnung mit dem Blinden könnte stattgefunden haben, als Jesus die alte Stadt verließ und in die neu erbaute hinein ging. Dass Markus und Lukas von nur einem Blinden, dem Bartimäus, spechen, könnte bedeuten, dass er vielleicht der Sprecher war, ähnlich wie bei dem Besessenen (s. Matth 8 und Mark 5).

 

Beim Lesen der Bibel stoßen wir immer wieder auf, für uns unverständliche oder unlogische Berichte. Ich selbst habe auch meine Fragen z.B. bei ungleich genannten Zeitabschnitten. Doch es fällt deutlich auf, dass solche Ungereimtheiten eher zu den Randbemerkungen der Bibel gehören. Die für unseren Glauben wirklich wichtigen Inhalte bilden durch die gesamte Heilige Schrift einen übereinstimmenden Zusammenhang und sind in sich schlüssig und auch logisch nachvollziehbar.

Nun wieder zurück zum Geschlechtsregister Jesu. Auch hier muss es eine logische Erklärung für die unterschiedlich genannten Vorfahren geben.

Eine Erklärung für die unterschiedlich genannten Väter Josephs gab Julius Africanus bereits 220 n.Chr. ab. Demnach heirateten die Großväter Josephs, Matthan und Matthat nacheinander dieselbe Frau. Aus beiden Ehen stammte je ein Sohn: Die Stiefbrüder Eli und Jakob. Eli starb kinderlos. Darauf ging Jakob mit der Witwe die Schwagerehe ein, um seinem Bruder eine Nachkommenschaft zu sichern (vergl. 5 Mos 25,5-6). Aus dieser Ehe kam Joseph hervor. So war Joseph also der leibliche Sohn Jakobs und über die natürliche Linie über Matthan und Salomo ein Nachkomme Davids. Gleichzeitig war er der legale und somit erbberechtigte “Sohn” Elis, seines Onkels, und über die Matthat und Nathan ein Nachkomme Davids.

Auch heutzutage kann es, z.B. durch Adoption, einen Unterschied zwischen der biologischen und der amtlich registrierten Vaterschaft geben.

 

Für die unterschiedlichen Väter von Sealthiel ist folgende Möglichkeit denkbar: Neri heitratete die einzige überlebende Erbtochter des Jechonja, wie es z.B. in 4 Mose 27,1-11 geboten war, und Sealthiel war ihr gemeinsamer Sohn.

Dann verfolgt Lukas die Menschheitslinie Jesu über Neri, die bis auf Adam zurückreicht. Diese natürliche Abstammungslinie war notwendig, um als ein tatsächlicher, historisch erwiesener, Stellvertreter der Menschheit vor der Welt und in der Sühnung aufzutreten. Jesus ist der “Same” der Frau, der uns durch Sein Leiden erlösen sollte (vergl. 1 Mos 3,15).

Matthäus hingegen verfolgt mehr die legale Linie über Jechonja weiter: Christus ist als Nachkomme Abrahams Träger der Verheißung (s. Gal 3,16) und als legaler Nachkomme Davids nachweislich der verheißene Messias (s. Apg 13,22-23). Der Begriff “Sohn Davids” wird in den Evangelien als ein Titel für den Messias gebraucht (s. Matth 21,9,15).

 

Es ist noch eine zweite Erklärung für die unterschiedlichen Geschlechtsregister Jesu denkbar. Seit der Reformation verbreitete sich die Ansicht, dass in Matthäusevangelium die legale Linie, also die Seite Josephs, aufgezeigt wird. Im Evangelium nach Lukas hingegen sehen wir die natürliche Linie, d.h. die Seite von Maria. Da Frauen im Stammbaum nicht als tragendes Glied genannt wurden, wurde Joseph als (Schwieger-) Sohn des Eli genannt.

 

Die o.g. Ausführungen sind mögliche Erklärungen. Ob sie tatsächlich so zutreffen oder es sich vielleicht doch anders verhält, können wir heute kaum noch nachprüfen. Auf jeden Fall sehen wir einmal mehr, dass die Bibel in sich stimmig ist. Auch wenn wir zum Teil wegen unserer westlichen Denkweise bzw. der anderen Kultur heute (noch) nicht jede theologisch schwierige Passage verstehen, können wir dem Wort Gottes als solches vertrauen.

 

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