Die Gleichnisse Jesu

Die Gleichnisse Jesu

Autor: Markus Rex

 

Die gesamte Bibel ist Gottes Wort und als solches wahr und zuverlässig. Sie bildet die Grundlage des christlichen Glaubens und ist bis heute für unser Leben relevant. Alle ernsthaften Christen sind sich darin einig. Unstimmigkeiten entstehen eher darüber, wie diese oder jene Aussage in der Bibel tatsächlich gemeint ist bzw. welche Bedeutung sie für uns hat.

So manche Unklarheit lässt sich dadurch beseitigen, dass wir die verschiedenen Literaturstile und Sprachformen bzw. Ausdrucksweisen beachten. Das ist ja auch in den gegenwärtigen Sprachen so. Ein Vertrag ist etwas anderes als ein Roman und die Tageszeitung liest sich anders als ein Fachbuch. Eine ironische Bemerkung bewerten wir anders als eine Arbeitsbeschreibung. Auch in der Bibel finden wir zum Beispiel Lieder, Berichte, Redewendungen oder klare Anweisungen vor. Aber worum es in diesem Lehrbrief insbesondere gehen soll, sind die Gleichnisse Jesu.

 

Markus 4,33-34

Und in vielen solchen Gleichnissen sagte er ihnen das Wort, wie sie es zu hören vermochten. Ohne Gleichnis aber redete er nicht zu ihnen; wenn sie aber alleine waren, legte er seinen Jüngern alles aus.

 

Das Gleichnis ist eine Geschichte mit irdischen Bezugspunkten, die von der Landwirtschaft, der Ehe, von Königen, Festen, Beziehungen im Haushalt, Bräuchen u.a. handelt, durch die eine geistliche Wahrheit vermittelt werden soll1. Es ist wie beim Einkaufen. Die Lebensmittel sind gut verpackt, damit wir sie heil nach Hause transportieren können. Aber nicht die Verpackung ist das Wesentliche, so ansprechend sie auch aussehen mag, sondern allein der Inhalt zählt. Genauso dient die Geschichte nur zum »transportieren« einer geistlichen Wahrheit. Es kommt nicht so sehr auf das Gleichnis als solches an, sondern auf die Botschaft, die es vermittelt.

Gleichnisse verleiten uns manchmal dazu, sie zu allegorisieren. Vereinfacht ausgedrückt versteht man unter einer Allegorie, wenn eine Geschichte eine andere überlagert. Aber in einem Gleichnis geht es weniger um eine andere, darunter verborgene Geschichte, sondern vielmehr um eine Pointe bzw. um ein einzelnes geistliches Prinzip.

Gleichnisse wurden schon im Alten Testament erzählt. Zum Beispiel vom Propheten Nathan zum König David über den armen und den reichen Mann oder von Jesaja über den unfruchtbaren Weinberg.2 Aber im Verhältnis dazu nehmen die Gleichnisse Jesu einen so großen Platz ein, dass man sie ohne weiteres als eigenständiges Genre in den Evangelien bezeichnen kann.

Das Gleichnis bzw. die Parabel, grch. parbole, bedeutet, zum Zweck des Vergleichens etwas Seite an Seite legen. Durch diesen Vergleich sollten bestimmte Aussagen illustriert werden. Zum Beispiel sagte Jesus: »Das Reich der Himmel gleicht einem Senfkorn, das gesät wird und aufwächst. Das Reich der Himmel gleicht einem Sauerteig, der untergemischt wird und den ganzen Teig durchsäuert. Wiederum gleicht das Reich der Himmel einem verborgenen Schatz, den ein Mensch findet und daraufhin mit seinem gesamten Vermögen den entsprechenden Acker kauft. Wiederum gleicht das Reich der Himmel einem Netz, das ins Meer geworfen wird und alle Arten von Fischen zusammenbringt.«3

Einerseits wollte Jesus seinen Jüngern die Prinzipien des Reiches Gottes in anschaulicher Weise vermitteln und legte ihnen seine Gleichnisse aus, doch andererseits wollte er die kostbaren geistlichen Schätze vor denen verbergen, die ihn ablehnten.

 

Lukas 8,10

Er aber sprach: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu erkennen, den anderen aber in Gleichnissen, damit sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht verstehen.

 

Die Gleichnisse sind also nicht so ohne Weiteres immer leicht zu verstehen. Dieser Vers deutet an, dass sie auch missverstanden werden können. Im Folgenden möchte ich nicht jedes einzelne Gleichnis auslegen, sondern einige Hilfen geben, wie wir sie im allgemeinen behandeln sollten, damit wir den größtmöglichen Segen daraus ziehen können.

Als erstes sollten wir die Gleichnisse vor dem Hintergrund des Reiches Gottes sehen.

 

Lukas 16,16 (RELB)

Das Gesetz und die Propheten gehen bis auf Johannes; von da an wird die gute Botschaft vom Reich Gottes verkündigt …

 

Im irdischen Dienst Jesu ging es hauptsächlich um das Reich Gottes. Seine Lehren, einschließlich der Gleichnisse, beschäftigten sich mit diesem großen Thema: Das Reich Gottes bzw. Christus und sein Reich. (Nach seiner Auferstehung lehrte Jesus seine Jünger ausführlich darüber.4) Deshalb sollten wir die Gleichnisse in diesem Kontext sehen. Viele Gleichnisse handeln ja direkt vom Reich Gottes und vermitteln uns Informationen über sein Wesen, seinen Fortschritt in der Welt, über Gottes Handeln mit den Juden und den Heiden und über das Ende dieses Zeitalters.

Jesus bediente sich in seinen Gleichnissen u.a. auch der Symbolsprache. Zum Beispiel waren Begriffe wie Ernte, Hochzeit oder Wein jüdische Symbole für das Ende des Zeitalters und der Feigenbaum ein Symbol für das Volk Israel. Diese Symbole wurden von seinen Zuhörern auch als solche verstanden. Wir dürfen ihnen also nicht willkürlich andere Bedeutungen geben. (Bibelkommentare und Lexika sind für eine genaue Recherche sehr hilfreich.)

Für die Auslegung eines bestimmten Gleichnisses sollten wir zuerst herausfinden, welche Kernaussage es beinhaltet. Es hat sich als hilfreich erwiesen, sich dabei von der Faustregel leiten zu lassen, dass ein Gleichnis nur eine einzelne geistliche Wahrheit bzw. ein einzelnes Prinzip beinhaltet und keine vollständige Lehre über ein spezifisches Thema darstellt.

So geht es zum Beispiel in dem Gleichnis vom ungerechten Richter in Lukas 18,1-8 um beharrliches Beten. Das ist die Kernaussage. Wir dürfen nicht zu weit greifen und womöglich Gott in die Rolle des ungerechten Richters drücken oder aus diesem Gleichnis schließen, wir müssten Gott permanent anbetteln, überreden oder ihm den Arm umdrehen, um uns endlich Gehör zu verschaffen. Wie schon gesagt, ist die Kernaussage Beharrlichkeit. Es geht hier nicht um eine vollständige Lehre über Gebet.

Das Thema des darauffolgenden Gleichnisses vom Pharisäer und Zöllner in Lukas 18,9-14 ist auch nicht die Rechtfertigungslehre, wie manche meinen. Sogenannte Christen und Gläubige anderer Religionen, die das Blut Christi zu unserer Rechtfertigung ablehnen, beziehen sich oft auf dieses Gleichnis. Sie behaupten, Jesus hätte Rechtfertigung ohne Sühnopfer gelehrt, weil der Zöllner ja allein wegen seiner Reue gerechtfertigt wurde. Doch das ist keine Lehre über die Rechtfertigung. Dazu müssen wir alle anderen Aussagen Jesu und der Apostel zu diesem Thema im gesamten Neuen Testament heranziehen. Der Kern in diesem Gleichnis ist Selbstgerechtigkeit (v.9) im Gegensatz zur Demut (v.14).

Eine weitere Hilfe für uns ist, dass Jesus viele seiner Gleichnisse selbst auslegte. Das heißt, wir brauchen und sollten dann nicht nach einer tieferen Bedeutung suchen. So legte er das Gleichnis vom Sämann seinen Jüngern lang und breit aus. Aber die Auslegung des Gleichnisses von den zehn Jungfrauen in Matthäus 25,1-13 fällt sehr kurz aus. Jesus erzählte eine lange Geschichte mit dem abschließenden Fazit: »Darum wacht!«. Das ist die Kernaussage, die uns Jesus selbst gibt.

Wegen dieses Gleichnisses kursieren die abenteuerlichsten Meinungen über die Endzeit und die Entrückung herum. Aber die ganze Auslegung, die uns Jesus gab war: »Seid wachsam!«. Natürlich kann dieses Gleichnis noch mehr als das beinhalten, aber bei reinen Spekulationen sollten wir zurückhaltend sein.

Es ist also möglich, dass die Auslegung sehr viel kürzer ist als das Gleichnis selbst. An der Art und Weise, wie Jesus seine Gleichnisse auslegte, können wir etwas von dem »Geist« seiner Lehren und Erklärungen lernen. Das hilft uns, die Gleichnisse besser zu verstehen, die er nicht selbst ausgelegt hat.

Was allgemein für die Auslegung der Bibel gilt, schließt natürlich die Gleichnisse mit ein. Und eine Regel der Schriftauslegung lautet: Beachte den Zusammenhang. Was steht vor bzw. nach dem Gleichnis? In welche Geschichte, Lehre oder welcher aktuellen Handlung ist es eingebettet? Wen spricht Jesus an?

In Lukas 15 erzählte Jesus aufeinanderfolgend drei Gleichnisse, die in sich schon einen Zusammenhang bilden: Das verlorenen Schaf, die verlorene Drachme und der verlorene Sohn. Die ersten drei Verse informieren uns darüber, dass zur Zuhörerschaft (nach Barmherzigkeit suchende) Zöllner und Sünder, und (selbstgerechte) Pharisäer und Schriftgelehrte gehörten. Es waren alles Menschen, die zu Gottes auserwähltem Volk gehörten. Das sind schon einmal wertvolle Anhaltspunkte, um den Inhalt der Gleichnisse zu beurteilen bzw. sie auszulegen.

Oder schauen wir uns das Gleichnis in Lukas 7,41-42 an.

 

Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Der eine war 500 Denare schuldig, der andere 50. Da sie aber nichts hatten, um zu bezahlen, schenkte er es beiden. Sage mir: Welcher von ihnen wird ihn nun am meisten lieben?

 

Dieses kurze Gleichnis ist in ein langes Ereignis eingebettet. Jesus wurde vom Pharisäer namens Simon eingeladen. Während der Mahlzeit kam eine Frau herein und fing an, Jesus die Füße zu salben. Der Pharisäer regte sich innerlich darüber auf, dass Jesus das an sich geschehen ließ, da die Frau doch eine stadtbekannte Sünderin war. Jesus erkannte seine Gedanken und erzählte ihm daraufhin dieses Gleichnis im Wissen, dass auch die Frau zuhört. Was wird wohl der Pharisäer Simon für sich gehört haben und was hat die Frau daraus empfangen?

Weiterhin ist es hilfreich, ein bestimmtes Gleichnis mit den Fassungen in den anderen Evangelien zu vergleichen. Dadurch werden manche Aspekte ergänzt und durch eine evtl. andere Sichtweise werden Dinge klarer.

Generell sollten wir die Gleichnisse eher im Kontext des Alten Testamentes sehen, denn Jesus sprach zu Menschen, die noch unter dem Alten Bund lebten und noch nicht wiedergeboren waren. Er hat versucht, seine Zuhörer darauf vorzubereiten, was noch kommen würde. Wir sollten nicht versuchen, neutestamentliche Wahrheiten und Prinzipien ausschließlich anhand der Gleichnisse zu lehren und zu beweisen. Das heißt, unsere Theologie, zum Beispiel zur Endzeit, dürfen wir nicht allein auf die Gleichnisse aufbauen, sondern auf den Kontext des ganzen Neuen Testamentes, besonders der Briefe.

Eines meiner Lieblingsgleichnisse ist das vom guten Hirten im Johannesevangelium Kapitel 10. (Eigentlich erzählte Jesus dieses Gleichnis in abgewandelter Form dreimal.) Mit diesem Gleichnis überbrückte Jesus den Alten und den Neuen Bund. Gottes Volk ist seine »Herde«, die er weidet. Juden und Heiden rettet er unter Einsatz seines Lebens und vereint sie in der Gemeinde unter dem guten Hirten Jesus. Je mehr ich das Bild vom guten Hirten verinnerliche, um so mehr glaube ich an einen guten Gott, der will, dass es mir gut geht.

 

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1 Bernhard Ramm, »Biblische Hermeneutik«, S.293

2 2 Samuel 12,1-4; Jesaja 5,1-7

3 Matthäus 13,31.33.44.47

4 s. Apostelgeschichte 1,3

 

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