Der Dienst der Frauen in der Gemeinde

Der Dienst der Frauen in der Gemeinde

Autor: Markus Rex

 

Eine weit verbreitete Ansicht innerhalb der Kirchen ist, dass Frauen in der Gemeinde eine eher untergeordnete Rolle spielen sollten. Sie sollten nicht in einer leitenden Position sein und nicht predigen. Verfechter dieser Ansicht beziehen sich hauptsächlich auf die folgenden zwei Bibelstellen:

 

1.Kor.14:34‑35

Eure Frauen sollen in den Gemeinden schweigen, denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen … denn es ist für Frauen schändlich, in der Gemeinde zu reden.

 

1.Tim.2:12

Aber ich gestatte einer Frau nicht zu lehren, auch nicht, dass sie über den Mann herrscht, sondern sie soll sich still verhalten.

 

Da wir uns als „Wort‑Gemeinde“ an die Bibel halten und dennoch Frauen bei uns predigen und sogar in der Gemeindeleitung tätig sind, sollten wir diese Praxis für uns selbst und andere plausibel erklären. Sonst könnte leicht der Vorwurf entstehen, dass wir Gottes Wort nur da ernst nehmen, wo es uns gefällt. Dann wüssten wir auch bald nicht mehr, was wir in der Bibel noch glauben können und was nicht.

 

Wie sind die o.g. Verse nun tatsächlich zu verstehen? Eine grundsätzliche Regel der Schriftauslegung ist: Die Bibel legt sich selbst aus! Zunächst einmal müssen wir also herausfinden, was das Neue Testament außerdem noch über die Rolle der Frau in der Gemeinde sagt. In Apg.2:17‑18 wird angekündigt: „…eure Söhne und eure Töchter werden weissagen…“ Weiter wird in 1.Korinther 11:5 gesagt, dass die Frau in der Versammlung zumindest beten und weissagen darf. (Auf die Bedeutung des Schleiers möchte hier ich aus Platzgründen nicht im Einzelnen eingehen.) Schauen wir uns noch Titus 2:3‑4 an: „…(die alten Frauen sollen sein) Lehrerinnen des Guten, damit sie die jungen Frauen anleiten…“. Aha, ältere Frauen dürfen in der Gemeinde auch lehren – wenigstens die jüngeren Frauen. Es ist seltsam, dass Kirchen, die der Ansicht sind, Frauen dürfen nicht unterrichten, für die Sonntagsschule der Kinder meistens Frauen anstellen. Um konsequent zu sein, müssten das dann auch die Männer übernehmen.

 

Selbst wenn wir nicht genau dahinter kommen würden, wie 1. Korinther 14:34‑35 und 1.Timotheus 2:12 zu verstehen sind, stellen wir doch zunächst einmal fest, dass das „schweigen“ und „sich still verhalten“ nicht so gemeint sein kann, dass sich die Frauen in der Gemeinde überhaupt nicht äußern dürfen.

 

Nun, die Bibel ist Gottes Wort und Gott widerspricht sich nicht selbst. Der Konflikt der unterschiedlichen Aussagen zum selben Thema löst sich auf, wenn wir eine weitere Regel der Schriftauslegung anwenden: Beachte den Hintergrund! In der damaligen Kultur war es tatsächlich unüblich, dass Frauen öffentlich auftraten. Bildung war ihnen meistens verwehrt und sie hatten eine untergeordnete Stellung in der Gesellschaft. Wegen dieser mangelnden Bildung war es ihnen normalerweise also gar nicht möglich gewesen, andere zu lehren. In der Gemeinde hörten sie dann, dass in Christus Männer und Frauen gleich sind (Gal.3:29). So entwickelte sich bei einigen Frauen rasch ein starkes Selbstbewusstsein, verbunden mit einem damals unüblichen emanzipierten Verhalten in der Gemeinde. Darauf geht Paulus in seinen Briefen ein und ist bestrebt, eine gewisse Gemeindeordnung und auch einen guten Ruf der Christen inmitten der damaligen Öffentlichkeit aufrecht zu erhalten.

 

Wir leben heute in einer anderen Kultur. Frauen haben die gleichen Bildungschancen wie Männer. Sie sind Inhaberinnen von Geschäften, sind in leitenden Positionen tätig und sie unterrichten an Schulen und Universitäten. Wir sollten uns einmal folgendes überlegen: Wären wir heute überhaupt auf die Frage gestoßen, ob eine Frau in der Gemeinde predigen darf, wenn Paulus in seinen Briefen an die damaligen Gemeinden nicht darauf eingegangen wäre? Paulus geht auch auf andere Probleme und Fragen der damaligen Christen ein, die in unserer westlichen Kultur eigentlich keine Rolle mehr spielen, wie z. B. in einen Götzentempel gehen und geopfertes Fleisch essen oder dass wir von umherreisenden Juden aufgefordert werden, uns beschneiden zu lassen.

 

Wie steht es nun mit dem Verbot von Unzucht, Homosexualität oder ähnlichen Dingen? Sind das nicht auch längst veraltete Ansichten? Bei der Anwendung des kulturellen Hintergrundes müssen wir genau beachten, ob bestimmte Dinge in der Bibel immer gleich bewertet werden (wie lügen, stehlen, sich betrinken, Sex vor oder außerhalb der Ehe) ‑ dann stellen sie einen für uns absoluten Wertemaßstab dar, unabhängig von Kultur und Zeit. Oder ob sie unterschiedlich bewertet werden (meistens geht es um Äußerlichkeiten wie Essen, Trinken, Kleidung …) – dann müssen wir sie aus der Sicht der jeweiligen Kultur betrachten.

 

Dennoch gilt: Die gesamte Schrift ist uns zur Belehrung gegeben! Auch wenn wir manche Aussagen der Bibel vom Hintergrund der damaligen Kultur nicht wortwörtlich auf uns heute anwenden können, sollten wir offen dafür sein, ob es dahinter nicht ein für uns verbindliches biblisches Prinzip gibt. Im Zusammenhang von 1.Timotheus 2:12 etwa können wir in den Versen 9‑10 „ehrbaren Anstand“ und „Gottesfurcht“ in der äußeren Erscheinung und im Verhalten erkennen. Und es fällt uns nicht schwer zu glauben, dass das auch genauso für Männer in der Gemeinde gilt.

 

Ein weiteres Prinzip finden wir in den Versen 13‑14, nämlich die Schöpfungsordnung Gottes. Diese beinhaltet, dass die Frau ihren Ehemann nicht dominieren und manipulieren darf. Keine geistliche Gabe und Berufung sollte von der Frau dazu missbraucht werden, sich über ihren Mann oder geistlichen Leiter zu stellen. übrigens sieht die Schöpfungsordnung Gottes auch nicht vor, dass der Mann seine Frau beherrscht.

 

Bei 1. Korinther 14:34‑35 ist aus dem griechischen Grundtext ersichtlich, dass es sich um einen laufenden Gottesdienst handelt, in dem die Frauen nicht dazwischenreden sollen, weil es den Ablauf stört. Fragen (die sie aufgrund ihrer geringen Bildung hatten) sollten nach dem Gottesdienst oder zu Hause gestellt werden. Das Prinzip dahinter finden wir im Vers 33: Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens. Auch das gilt für die Männer gleichermaßen.

 

Abschließend können wir folgendes festhalten: In der Gemeinde sollte die Frau dieselbe Stellung haben, wie sie sie in der jeweiligen Gesellschaftsform hat, solange es nicht im Widerspruch zur Schöpfungsordnung Gottes steht. Deshalb darf sie je nach Gabe und Berufung in der Gemeinde predigen, beten und leiten. Sie darf sich, wie auch jeder Mann, kleiden und schmücken wie sie will, solange es den ehrbaren Anstand nicht verletzt. Frauen, genauso wie Männer, sollen sich in der Gemeinde so verhalten, dass es den Gottesdienstablauf nicht stört.

 

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