Göttliche Fügung

Göttliche Fügung

Autor: Markus Rex

 

Römer 9,15-16
Denn zu Mose spricht er: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und über wen ich mich erbarme, über den erbarme ich mich“. So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.

 

Der o.g. Text besteht aus einem Zitat und einer Schlussfolgerung. Das Zitat aus 2 Mose 33,19 lautet: „Und der HERR sprach: Ich will alle meine Güte vor deinem Angesicht vorüberziehen lassen und will den Namen des HERRN vor dir ausrufen. Und wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und über wen ich mich erbarme, über den erbarme ich mich“. Die Betonung liegt hier auf der Güte, der Gnade und dem Erbarmen Gottes. In diesem Licht müssen wir Römer 9,15 u. 16 betrachten. In der Fußnote im Neuen Testament Roth heißt es dazu: „… Gott hat die Absicht, sich zu erbarmen, aber er kann sein Erbarmen nur denen zuteil werden lassen, die es annehmen …“. Folgerichtig wird der Vers dort übersetzt mit: „… Ich werde mich erbarmen, über wen ich mich erbarmen kann …“.

Aus dieser Verheißung schlussfolgerte Paulus, dass es zuerst auf Gott ankommt und nicht allein auf menschliches Wollen. Im Kontext von Römer 9 geht es um Gottes Erwählung von Menschen für Seine Pläne. Das Prinzip dahinter, nämlich, dass es nicht nur am menschlichen Bemühen liegt, etwas zu erreichen, können wir aber auch auf alle anderen Bereiche des Lebens anwenden.

 

Gott ist gnädig. Güte und Erbarmen sind zum Teil Synonyme Seiner Gnade. Römer 9,16 lautet nach Hoffn. für Alle: „Entscheidend ist also nicht, wie sehr sich jemand anstrengt oder müht, sondern dass Gott sich über ihn erbarmt.“ Diese Aussage scheint im Gegensatz zu dem Abschnitt in 1 Thessalonicher 3,1-12 zu stehen, wo von Mühe und Anstrengung für den eigenen Broterwerb die Rede ist. Bei genauerer Betrachtung ist es aber kein Gegensatz, sondern eine Ergänzung. Folgende Geschichte soll das veranschaulichen: Ein einfältiger Mann hörte davon, dass harte Arbeit reich macht. Sogleich machte er sich ans Werk und hob unter stundenlanger schweißtreibender Anstrengung ein tiefes Loch in seinem Garten aus. Zu seinem großen Bedauern stellte er am Ende fest, dass er kein bisschen reicher geworden war. Harte Arbeit ist eben nicht das alleinige Kriterium, es kommt zum einen auch darauf an, wofür man seine Arbeitskraft einsetzt und zum anderen darauf, ob die äußere Situation stimmig ist.

Schauen wir uns zunächst zwei weitere Schriftstellen an:
 

Prediger 9,11-12

Und ich wandte mich um und sah unter der Sonne, daß nicht die Schnellen den Wettlauf gewinnen, noch die Starken die Schlacht, daß nicht die Weisen das Brot erlangen, auch nicht die Verständigen den Reichtum, noch die Erfahrenen Gunst, denn sie sind alle von Zeit und Umständen abhängig.

 

Salomo beobachtete scharfsinnig, dass es nicht nur auf unsere Klugheit und unsere Fähigkeiten ankommt, sondern dass unser Erfolg von bestimmten Umständen abhängt, die wir nicht immer kontrollieren können. Aber Gott kann die Umstände zu unseren Gunsten fügen.

Sprüche 3,1-6
Mein Sohn, vergiss meine Lehre nicht, und dein Herz bewahre meine Gebote! Denn sie werden dir Verlängerung der Tage und Jahre des Lebens und viel Frieden bringen. Gnade und Wahrheit werden dich nicht verlassen! Binde sie um deinen Hals, schreibe sie auf die Tafel deines Herzens, so wirst du Gunst und Wohlgefallen erlangen in den Augen Gottes und der Menschen. Vertraue auf den HERRN von ganzem Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand; erkenne Ihn auf allen deinen Wegen, so wird Er deine Pfade ebnen.

 

So wie wir Gottes Wort im Herzen behalten, wird seine Gnade uns nicht verlassen und wir werden Gunst erlangen in den Augen Gottes und der Menschen. Bringen wir Römer 9 mit Prediger 9 und Sprüche 3 zusammen, könnte es folgendermaßen lauten: Es kommt nicht nur auf unser Bemühen an, sondern ob Gott unsere Pfade ebnet. Durch Gottes Gnade haben wir günstige Zeiten und günstige Umstände.

 

An dieser Stelle möchte ich kurz auf die Gnade Gottes im NT eingehen. Oft wird Gnade hauptsächlich bezüglich unserer Erlösung und Vergebung der Sünden gesehen. Das ist auch richtig, denn es ist der wesentlichste Bereich, wo wir Gnade benötigen. Gnade bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Gott uns etwas geschenkt hat, was wir nicht verdient haben, niemals aus eigener Kraft erreichen könnten, aber unbedingt benötigen, wie z.B. die Gabe der Gerechtigkeit. Es gibt aber noch weitere Aspekte der Gnade Gottes. In Titus 2,11-14 lesen wir, dass dieselbe Gnade, die uns rettet (oft übersetzt mit „heilbringend“), uns auch erzieht zu einem gottgefälligen Leben. Wenn wir als Christen verfolgt werden bzw. Leiden um Jesu Willen erdulden müssen, stärkt uns die Gnade Gottes (2 Kor 12,9-10). Für die vielfältigen Aufgaben in der Gemeinde teilt uns Gott durch seine Gnade die nötigen Begabungen und Fähigkeiten aus (1 Petr 4,10-11). So gibt es begnadete Redner, begnadete Musiker, begnadete Mitarbeiter für bestimmte Bereiche, begnadete Geschäftsleute usw.. Es gibt noch weitere Seiten von Gottes Gnade in unserem Leben und Dienst, aber um beim Thema zu bleiben, möchte ich besonders auf die Seite der Gunst hinweisen.

 
Für die Gnade Gottes gibt es im Grundtext verschiedene Wörter, die alle u.a. auch mit Gunst wiedergegeben werden können, wie z.B. das grch. Wort charis oder das hebr. Wort khän. So wie wir uns dem Plan Gottes hingeben und bereit sind, in Seinen Wegen zu wandeln, ist Gott auch fähig, Menschen und Umstände uns gegenüber günstig zu stimmen. Viele biblische Beispiele bestätigen das. Joseph wurde von seinen Brüdern in die Sklaverei verkauft. Nach menschlichem Ermessen hatte er keine Chance mehr. Doch Gott gab ihm Gunst. Jahre später reflektierte Joseph es gegenüber seinen Brüdern mit den Worten: „Ihr gedachtet mir zwar Böses zu tun; aber Gott gedachte es gut zu machen, um es so hinauszuführen, wie es jetzt zutage liegt, um ein zahlreiches Volk am Leben zu erhalten“ (1 Mo 50,20).
 

Wenn Gott Gnade bzw. Gunst gibt, kann folgendes geschehen:
 
– übernatürliche Beförderung wie bei Joseph (1 Mo 39,21),

– materielle Güter fließen uns zu wie den Israeliten in Ägypten (2 Mo 3,21),

– inmitten von Verfolgung von offizieller Seite bzw. durch die Medien steigt unser Ansehen bei den Menschen

(2 Mo 11,3; Apg 5,13),

– Beachtung, selbst wenn niemand dich kennt (1 Sam 16,22),

– bevorzugte Behandlung (Ester 2,17),

– Anträge werden genehmigt und wenn nötig Gesetze verändert (Ester 5,8; 8,5),

– Zugeständnisse werden gemacht (Daniel 1,9),

– Kämpfe werden gewonnen (Ps 44,3-4) u.a..

 

Gott kann Zeiten, Umstände und Entscheidungen von Autoritäten, denen wir unterstehen, so fügen, dass Sein Plan zustande kommt. Schauen wir uns dazu noch eine Bibelstelle aus dem Neuen Testament an:
 

2 Korinther 9,8

Gott aber ist mächtig, euch jede Gnade im Überfluss zu spenden, so dass ihr in allem allezeit alle Genüge habt und überreich seid zu jedem guten Werk.

 

Worauf dieser Vers abzielt ist, dass wir überreich sind zu jedem guten Werk. Das meint „nicht jedes beliebige, sondern das Werk, zu dem wir jeweils berufen sind“ (Sprachl. Schlüssel zum grch. NT). Im Kontext geht es ganz konkret um Geldmittel, doch das Prinzip dahinter reicht weiter. „Alle Genüge haben“ und „überreich sein“ beinhaltet alles, was nötig ist, um unseren Verpflichtungen nachzukommen und den Auftrag Gottes erfolgreich auszuführen, einschließlich Befähigung, Mitarbeiter, Kontakte u.ä.. Gott ist mächtig, uns all´ das zukommen zu lassen durch seine Gnade bzw. Gunst. Wie schon gesagt, haben wir nicht alles unter Kontrolle, aber Gott hat die Kontrolle. Die verschiedenen Bibelversionen von 2 Korinther 9,8 geben uns ein reichhaltiges Bild:
 
Gott aber ist mächtig … (Schl. 2000)

Gott vermag … (rev. Elb.)

Gott ist fähig … (Amp.)

Gott aber kann machen … (Luth. 1975)

 

Gott ist die Quelle (Ps 36,10; Jer 2,13) und er versorgt uns durch verschiedene Kanäle, wie z.B. eine Arbeitsstelle. Doch wir dürfen niemals irgendeinen Kanal für die Quelle halten, indem wir unser Vertrauen darauf setzen und nicht mehr auf Gott. Gott lenkt die Kanäle zu uns hin, so wie wir Ihm vertrauen. Ist ein Kanal irgendwann verstopft, hat Gott noch tausend andere Möglichkeiten, den Segen zu uns zu leiten.

Gott aber kann machen …! Bei Gott gibt es immer einen Weg, es gibt immer eine Antwort, es gibt immer eine Lösung!

(Nebenbei bemerkt ist das „Aber“ Gottes ein Bibelstudium wert. Wenn uns Probleme bedrängen, legt Gott sozusagen Widerspruch ein, wie z.B. bei Joseph: „Ihr gedachtet mir zwar Böses zu tun; aber Gott …“. Als die Übermacht der Sünde uns von Gott trennte und alles geistliche Leben in uns auslöschte intervenierte Gott: „… auch euch, die ihr tot wart durch Übertretungen und Sünden … Gott aber, der reich ist an Erbarmen …“ (Eph 2,1.4).)

 

Gott kann es so fügen, dass wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind und dort mit den richtigen Leuten in Kontakt kommen. Vorausgesetzt, wir unterstellen uns Seinem Willen und folgen Ihm. Dann bringt Gott zusammen, was seinem Willen entsprechend zusammen gehört. Wie das im konkreten Fall dann aussehen kann, lesen wir am Beispiel von Petrus und Philippus in der Apostelgeschichte.

 

In Kapitel 8 ist von einem Kämmerer aus Äthiopien die Rede, der nach Jerusalem reiste, um im Tempel anzubeten. Offensichtlich hatte er vom Gott Israels gehört und wollte irgendwie mit ihm in Kontakt kommen. Kurz zuvor zerstreute sich die Gemeinde aufgrund von massiver Verfolgung. Doch es wird ausdrücklich betont, dass die Apostel in Jerusalem blieben (Apg 8,1). Aber der Kämmerer traf mit niemandem von ihnen zusammen. Erst auf dem Rückweg fügte Gott es so, dass er durch Philippus von Jesus Christus hörte. Nun, wir hätten es wahrscheinlich anders arrangiert und ihn schon in Jerusalem mit Petrus zusammengebracht, anstatt Philippus aus seiner erfolgreichen Erweckungsarbeit herauszureißen. Aber Gott weiß am besten, wen er zu welchem Zeitpunkt mit wem zusammenbringt. Gott bringt zusammen, was zusammen gehört.

Einige Zeit später ist Petrus gerade auf Durchreise in Joppe, als er von Gott eine Tagereise nördlich nach Cäsarea zu einem Hauptmann namens Kornelius geschickt wird (Apg 10,20-23). Zu diesem Zeitpunkt wohnte Philippus bereits dort (Apg 8,40; vergl. Kap.21,8). Warum hat Gott nicht den Philippus in das Haus des Kornelius gesandt? Aus unserer menschlichen Sicht wäre das doch viel einfacher gewesen.

Petrus und Philippus waren beide Prediger des Evangeliums. Wir sollten nicht davon ausgehen (weil es uns manchmal so geht), dass Petrus in Jerusalem geistlich gerade nicht gut drauf war und Philippus in Cäsarea wegen dringender geschäftlicher Angelegenheiten gerade nicht zur Verfügung stand. Wahrscheinlicher ist es, dass Gott weiß, wer ein offenes Herz hat und wer dieses Herz am besten erreichen kann. Gott bringt den Arbeiter mit der Ernte zusammen (vergl. Matth 9,37-38).

Ein weiteres Beispiel haben wir mit Ananias in Apostelgeschichte 9. Er war kein Prediger, sondern ein ganz normaler Christ, der sich von Gott gebrauchen ließ. Gott bereitete Saulus auf Ananias vor und Ananias auf Saulus. Anderenfalls wären sie nie zusammengekommen. Ananias war bereit, als Gott ihn brauchte.

Gott bringt zusammen, was zusammen gehört, damit Sein Reich gebaut werden kann. Im Jahre 49 n. Chr. müssen die Eheleute und jüdischen Christen Aquila und Priscilla aufgrund einer Anordnung des Kaisers Claudius bezüglich der Juden aus Rom wegziehen (Apg 18,1ff.). Vielleicht haben sie gebetet, dass es nicht so weit kommen würde, doch es half nichts. Sie mussten ihr gutgehendes Geschäft aufgeben und sich in einer fremden Stadt eine neue Existenz aufbauen. Vielleicht war das ganze Geschehen für sie bis dahin unverständlich. Durch Gottes Fügung traf der Apostel Paulus in Korinth auf den Zeltmacher Aquila, denn Gott hatte eine Absicht in Korinth (v.10). Gott brachte einen Prediger mit einem Geschäftsmann zusammen, wobei, wenn es notwendig war, der Geschäftsmann auch mal predigte und der Prediger auch mal arbeitete.

 
Letztendlich geht es um Gottes Reich in dieser Welt. Das Evangelium muss ausgebreitet werden, Menschen sollen das Heil in Christus annehmen und Gemeinden sollen entstehen. So wie wir uns Gott zur Verfügung stellen, kann Er unsere Schritte lenken und Situationen und Umstände so fügen, dass sie uns zum Besten dienen (Röm 8,28).
 

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