Hiob – die wirkliche Geschichte

Hiob – Die wirkliche Geschichte

Autor: Markus Rex

 

Solltest du das Buch Hiob nur vom Hörensagen kennen, möchte ich dich ermutigen, es einmal aufmerksam und vollständig durchzulesen. Es wäre schließlich schade, wenn du aufgrund von bloßen Wissenslücken eine unangemessene Vorstellung von der Aussage des Buches hättest.
 

Wer die Leidensfrage aus biblischer Sicht betrachten will, kommt ja am Buch Hiob kaum vorbei. Selbst wenn man es aufmerksam durchgelesen hat, kommt es nicht selten zu Fehlinterpretationen, weil grundlegende Regeln der Schriftauslegung außer Acht gelassen wurden.
 

Zuerst müssen wir beachten, wer wann zu Wort kommt. Zum überwiegenden Teil geht es ja um die Gespräche zwischen Hiob und seinen Freunden. Wie sie das Leiden Hiobs beurteilen und zu erklären versuchen, ist nicht uneingeschränkt Gottes Wort oder eine Offenbarung seines Wesens. Natürlich ist die gesamte Bibel als die Heilige Schrift wahr. Das heißt, was von den Freunden Hiobs berichtet wird, haben sie tatsächlich so gesagt. Es ist aber nicht die vom Geist Gottes inspirierte Wahrheit, die absolut gültig ist. Ihre langen Ausführungen beinhalten einige allgemeine Lebensweisheiten und Erfahrungswerte. Auf die Situation Hiobs bezogen waren sie allerdings völlig unzutreffend. Im letzten Kapitel bezieht Gott selbst Stellung dazu.
 

Hiob 42,7-8
Und es geschah, als der HERR diese Worte an Hiob vollendet hatte, da sprach der HERR zu Eliphas, dem Temaniter: Mein Zorn ist entbrannt über dich und deine beiden Freunde, denn ihr habt nicht recht von mir geredet, wie mein Knecht Hiob. … Mein Knecht Hiob aber soll für euch bitten; denn nur ihn werde ich erhören, dass ich gegen euch nicht nach eurer Torheit handle; denn ihr habt nicht recht von mir geredet, wie mein Knecht Hiob!

 

Gott tadelte ihre Torheit, indem er sagte, dass sie nicht recht von ihm geredet haben, wie Hiob. Daraus könnte man schließen, dass alles, was Hiob sagte, richtig war, wie zum Beispiel »Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen. Der Name des Herrn sei gelobt!« (Hiob 1,21). Aber das kann nicht sein, denn auch Hiob wird wegen seiner Äußerungen von Gott zurechtgewiesen: »Wer verfinstert da den Ratschluss mit Worten ohne Verstand?« (Hiob 38,2). Plausibler ist es, dass sich der Vergleich »… wie mein Knecht Hiob« auf Hiobs Buße und Antwort darauf beziehen.1
 

Der Leser muss also aufpassen, dass er den Inhalt beziehungsweise die Aussage des Buches Hiob nicht verdreht und Gott dadurch in ein falsches Licht stellt, indem er alles als direkte Worte Gottes betrachtet. Weiterhin müssen wir die Bibel als eine Einheit betrachten. Wir dürfen das Buch Hiob nicht aus dem Kontext der übrigen Schriften herauslösen und allein daraus die Leidensfrage beantworten.
 

Textforscher meinen, dass das Buch Hiob zu den ältesten Schriften der Bibel gehört und die ursprünglichen Manuskripte wahrscheinlich noch vor den Mosebüchern geschrieben wurden. Weil es noch keine schriftlichen Offenbarungen über Gott gab, hatten die Menschen damals nur ein mangelhaftes Wissen über ihn und die geistlichen Prinzipien.
 

Hiob, der etwa zur Zeit Isaaks und Jakobs lebte, hatte keine Ahnung von der Existenz des Teufels oder davon, was sich zuvor im Himmel abgespielt hatte. Er und seine Freunde konnten das Leben nur aus der eigenen Perspektive beobachten, aus den Abläufen ihre Schlüsse ziehen und dadurch Erfahrungen sammeln. Adam hatte Gott noch persönlich gekannt. Was von diesem Wissen über Gott durch viele Generationen hindurch bei Hiob angekommen war, beinhaltete, dass der Gottesfürchtige gesegnet ist und der Gottlose früher oder später bestraft wird.
 

Durch die Schriften des Alten Testamentes hindurch sehen wir, wie die Offenbarungen über Gott und seinen Erlösungsplan für die Menschen immer mehr zunehmen und klarer werden. Es ist wie ein gedimmtes Licht, das langsam immer heller leuchtet. Aber erst in der Person Jesu und durch die Briefe im Neuen Testament erstrahlt das Licht im vollen Glanz. Als Christen können wir das Alte Testament nur in diesem Licht der Erlösung auslegen. Es ist wichtig, dass wir unser Gottesbild hauptsächlich aus dem Neuen Testament beziehen. Auch wenn wir nicht für jeden Bericht im Alten Testament eine umfassende und zufriedenstellende Erklärung haben, dürfen wir auf keinen Fall unsere Vorstellung von einem liebenden und barmherzigen Gott aufgeben.
 

Um das Beispiel Hiobs bezüglich der Leidensfrage aus dem richtigen Blickwinkel zu sehen, sollten wir beachten, dass seine Leidenszeit nur einige Monate dauerte. Danach lebte er noch 140 Jahre in Frieden und Wohlstand. Gemessen an seiner gesamten Lebenszeit war die Phase seines Leidens nur sehr kurz bemessen. Im Buch Hiob wird uns nicht eine komplette Biographie über ihn gezeigt, sondern wir sehen nur eine Momentaufnahme aus einer Zeit, als er gerade nicht gut drauf war. Aber damit ist er in die Geschichte eingegangen. Selbst über Kirchengrenzen hinaus ist das Geschick Hiobs als der Inbegriff eines leidgeprüften Menschen bekannt geworden. Betrachten wir jedoch die Zeit davor und danach, müssten wir ihn eigentlich als Hiob, den Gesegneten, bezeichnen. Die neutestamentliche Perspektive für Hiob finden wir im Jakobusbrief.
 

Jakobus 5,11
Siehe, wir preisen die glückselig, welche standhaft ausharren! Von Hiobs standhaftem Ausharren habt ihr gehört, und ihr habt das Ende gesehen, das der Herr für ihn bereitet hat; denn der Herr ist voll Mitleid und Erbarmen.

 

Der Fokus des Neuen Testamentes ruht auf dem Ende, das Gott ihm bereitet hatte. »Und der HERR wendete Hiobs Geschick, als er für seine Freunde bat; und der HERR erstattete Hiob alles doppelt wieder, was er gehabt hatte« (Hiob 42,10).
 

Hiobs Leidensgeschichte

 

Hiob wird als ein gottesfürchtiger und gerechter Mann beschrieben, der es im Laufe der Jahre zu gewaltigem Reichtum brachte. Irgendwann kam es zu einem Zusammentreffen des Teufels mit Gott. Ich will mich hier nicht in theologische Spitzfindigkeiten verzetteln und ausführlich darauf eingehen, wer die Gottessöhne sind oder was der Teufel im Himmel zu suchen hat. Jedenfalls ist deutlich ersichtlich, dass die Initiative, Hiob zu schaden, vom Teufel ausging und nicht von Gott. Der Teufel unterstellte Hiob, dass er nur aus Eigennutz rechtschaffen lebte. Daraufhin forderte er Gott offen heraus, es darauf ankommen zu lassen und Hiob alles zu nehmen, was er besaß, außer sein nacktes Leben.
 

Hiob 1,11
Aber strecke doch einmal deine Hand aus und taste alles an, was er hat; lass sehen, ob er dir dann nicht ins Angesicht absagen wird!

 

Gut, die Initiative ging nicht von Gott aus, aber er ließ sich darauf ein und deshalb ist er auch dafür verantwortlich, oder? Andere sagen, Gott wäre moralisch zu diesem Deal verpflichtet gewesen. Er musste dem Teufel beweisen, dass Hiob auch in schweren Zeiten an seiner Frömmigkeit festhalten wird. Einige Theologen meinen, Hiob hätte von Gott die hohe Berufung bekommen, ihm treu zu bleiben, selbst wenn ihm alles weggenommen wird und schlimmes Leiden sein alltägliches Los wird. Viele Christen schieben ihre persönlichen Schicksalsschläge den »unergründlichen Wegen Gottes zu«.
Die Vorstellung, dass Gott auf unsere Kosten mit dem Teufel eine geheime Abmachung trifft, ist meiner Ansicht nach ungeheuerlich. Lasst uns also genau ansehen, ob es tatsächlich so geschrieben steht.
 

Das Buch Hiob ist wegen seiner hebräischen Ausdrucksweise und poetisch veränderten Grammatik eine Herausforderung für jeden Übersetzer.2 Eine Übersetzung ist zum Teil auch eine Auslegung, die sich maßgeblich an der Theologie des Übersetzers anlehnt. Ein zusätzliches Wort oder eine kleine Veränderung im Satzbau kann den Sinn verändern. So ist es durchaus legitim, kritische Verse mit dem Kontext der übrigen Bibel zu vergleichen.
 

Der Herr fragt Satan, wo er herkomme, worauf dieser antwortet: »Vom Durchstreifen der Erde und vom Umherwandeln darauf!« Das bedeutet erst einmal, dass der Teufel nicht überall zugleich sein kann. Er ist nicht allwissend und allgegenwärtig wie Gott. Der Herr fragt ihn: »Hast du meinen Knecht Hiob beachtet?« Das klingt fast so, als ob Gott den Satan auf Hiob erst aufmerksam macht. Wir können es aber auch mit anderer Betonung lesen, nämlich: »Na, hattest du ein Auge auf Hiob geworfen?« Oder: »Du hattest es auf Hiob abgesehen, nicht war?« Das würde genau auf den Charakter und auf das Agieren Satans zutreffen, wie ihn das Neue Testament beschreibt.
 

1 Petrus 5,8
Seid nüchtern und wacht! Denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann.

 

Der Teufel durchstreift die Erde, und zwar wie ein Raubtier auf der Suche nach Beute. Er hatte versucht, Hiob anzutasten, aber er konnte es nicht. Als Gott ihn damit konfrontierte, hinter Hiob her gewesen zu sein, erwiderte er: »Ja, aber du hast ihn beschützt, oder?« Hast du nicht ihn und sein Haus und alles, was er hat, ringsum eingehegt? (Hiob 1,10).
 

Ist das nicht bemerkenswert, dass Hiob von einem unsichtbaren Schutzwall umgeben war? Satan kam nicht an ihn heran. Stattdessen forderte er Gott heraus, Hiob Leid zuzufügen. Aber Gott antwortete ihm in Vers 12:
 

Da sprach der HERR zum Satan: Siehe, alles, was er hat, soll in deiner Hand sein; nur nach ihm selbst strecke deine Hand nicht aus! Und der Satan ging vom Angesicht des HERRN hinweg.

 

Die Revidierte Elberfelder Bibel übersetzt den markierten Satzteil mit: »Siehe, alles, was er hat, ist in deiner Hand.« Mit dieser Betonung ist es weniger eine Erlaubnis, sondern mehr eine Feststellung. Erst einmal müssen wir feststellen, dass Gott seine Hand nicht gegen Hiob ausstreckte. Das bedeutet, dass Gott das nachfolgende Unglück nicht verursachte. Lasst uns dazu Hiob 2,3 lesen.
 

Da sprach der HERR zum Satan: Hast du meinen Knecht Hiob beachtet? Denn seinesgleichen gibt es nicht auf Erden, einen so untadeligen und rechtschaffenen Mann, der Gott fürchtet und das Böse meidet; und er hält immer noch fest an seiner Tadellosigkeit, obwohl du mich gereizt hast, ihn ohne Ursache zu verderben!

 

Dieser Vers hat den gleichen Wortlaut wie der Vers in Kapitel 1,8. Die abrupte Veränderung am Ende macht deutlich, wie der Ankläger, der die erste Runde verloren hat, von Gott auf ironische Weise gedemütigt wird.3 Dennoch klingt es so, als hätte Gott das Unglück heraufbeschworen: »… obwohl du mich gereizt hast, ihn ohne Ursache zu verderben.« Ohne Ursache heißt so viel wie grundlos. Demnach hätte Gott dem Hiob grundlos Schaden zugefügt.
 

Aber auch hier gibt es offensichtlich verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten. Das Wort »ohne Ursache«, ist dasselbe, das in Kapitel 1,9 mit »umsonst« übersetzt wird.4 Doch Gottes Handeln ist nie vergeblich. Wenn wir in diesem Vers statt »ohne Ursache« eher »umsonst« lesen, kann es sich nur auf das erfolglose Bemühen Satans beziehen, Hiob zum Abwenden von Gott zu bringen. In diesem Licht übersetzte es Charles Thomson aus der Septuaginta.
 

… und er hält immer noch fest an seiner Tadellosigkeit, so dass du (Satan) seinen Besitz vernichtet hast, ohne deine Absicht mit ihm erreicht zu haben.

 

Nun, ich bin kein Experte der alten hebräischen Sprache. Aber wir sehen, dass auch Fachleute einige Verse unterschiedlich übersetzen. Aus der hier zitierten Übersetzung und dem, wie Gott sich in den übrigen Schriften der Bibel offenbart, schließe ich, dass er das Unglück Hiobs nicht verursacht hat. Gott nahm auch den Schutz um Hiob herum, nicht weg, so dass er dem Satan quasi ausgeliefert gewesen wäre. Mit anderen Worten sagte Gott: »Hiob ist doch in deiner Hand, denn sein Schutz ist bereits von ihm gewichen.« (Hiob 1,12).
 

Satan hatte Hiob so oft vergeblich angegriffen, dass er schließlich aufgab und ihn zähneknirschend in Ruhe ließ. Deshalb bemerkte er nicht, dass der Schutz um Hiob irgendwann zusammenbrach. Gottes Feststellung darüber muss ihn überrascht haben. Die folgenden Verse zeigen in dramatischer Weise, wie der Teufel die Gelegenheit sofort ergriff, Hiob endlich Schaden zufügen zu können.
 

Die Frage, die sich jetzt stellt, ist: Was hat den Schutzwall für die Angriffe Satans durchlässig gemacht? Ungerechtigkeit, Schuld oder Gottlosigkeit kann es nicht gewesen sein, denn wiederholt wird seine Frömmigkeit und Tadellosigkeit herausgestellt. Was hat ihn also in eine Position gebracht, in der er der Zerstörungswut Satans schutzlos gegenüberstand? Die Antwort darauf gibt Hiob selbst.
 

Hiob 3,25
Denn das Schreckliche, das ich befürchtet habe, ist über mich gekommen, und wovor mir graute, das hat mich getroffen.

 

Angst öffnete die Tür für Satan. Hiob wusste darüber nicht Bescheid, denn zu seiner Zeit gab es noch keine Bibel. Das geistliche Prinzip des Glaubens war ihm unbekannt, trotzdem war es wirksam wie das physikalische Gesetz der Schwerkraft. Angst oder Furcht ist auch ein Glaube, aber in seiner negativen Form. Dieses geistliche Gesetz lautet: Wir bekommen, was wir glauben und daraufhin aussprechen. Nicht umsonst heißt es hunderte Male in der Bibel: »Fürchtet euch nicht!«.
 

Hiob verhielt sich wie viele Christen heute. Er machte sich Sorgen über Sorgen, so dass er innerlich nicht zur Ruhe kam.
 

Hiob 3,25 (Elb)
Denn ich fürchtete einen Schrecken, und er traf mich, und vor dem mir bangte, das kam über mich. Ich war nicht ruhig, und ich rastete nicht und ruhte nicht, da kam das Toben.

 

Ein abschließendes Wort zu Hiob
 

Viele Christen vergleichen ihre Notlagen mit dem bitteren Leiden Hiobs. Aber ich meine, dass ein solcher Vergleich nicht angemessen ist. Nicht deshalb, weil von Hiob gesagt ist, dass er tadellos gewesen sei und wir an diesen Standard nicht heranreichen würden, sondern weil wir als Gläubige heute in einem anderen Zeitalter leben.

 

Es gibt zwei wesentliche Unterschiede zwischen uns und Hiob. Zum einen hatte Hiob keinen Bund mit Gott und zum anderen war er nicht erlöst. Hiob hatte keinen Bund mit Gott wie Abraham, Isaak oder Jakob. Er liebte Gott und folgte seinem Gewissen, weshalb er gesegnet war. Aber er hatte keinen Anspruch auf Gottes Schutz. Er hatte keine Verheißung, auf die er sich berufen konnte. Nun gut, Hiob ließ Furcht und Sorgen in sein Leben und Denken hinein und hat damit unbewusst seinem Unglück Vorschub geleistet. Aber hätte Gott ihn nicht trotzdem beschützen können? Warum ließ er Hiob leiden?

 

Wenn wir die Geschichte der Erzväter und des Volkes Israel studieren, erkennen wir den Wert und den Segen des Bundes mit Gott. Eigentlich müssten wir die Frage andersherum stellen, nämlich: Warum hat sich Gott dem Hiob trotzdem offenbart und ihn aus seiner Not gerettet, obwohl er nicht sein Bundespartner war? Ich glaube, es war allein das Erbarmen und die Liebe Gottes.

 

Desweiteren war Hiob auch nicht durch das Blut Jesu erlöst wie wir Christen heute. Durch die Erlösung leben wir unter einem neuen und sogar besseren Bund als die Israeliten damals. Wir leben in der Gnade Gottes. Wir haben nichts verdient, aber in Christus ist uns alles geschenkt worden.
 

(Dieser Lehrbrief ist ein Auszug aus dem Buch „Bedrängt, aber nicht erdrückt“)

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1 Siehe Hiob 42,1-6

2 »Genfer Studienbibel«, Einleitung zum Buch Hiob

3 »Genfer Studienbibel«, Kommentar zu Hiob 2,3

4 »Genfer Studienbibel«, Kommentar zu Hiob 2,3

 

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