Eine Engelgeschichte

Eine Engelgeschichte

 

Quelle: http://www.joyfulheart.com/christmas/gabriel-mary.htm

Aus dem Englischen übersetzt

 
 

Als sich der riesige Engel erhob und die Stufen zum Pult hinaufstieg, ging ein Raunen durch die Reihen. Gabriel war eine lebende Legende unter den Engeln. Er strich sein Gewand glatt und begann.
Ich wurde gebeten heute zu euch darüber zu sprechen, was ich während meiner Laufbahn gelernt habe. Nun, vor allem das: Wir sind Diener! Wir sind Diener des Höchsten Gottes. Diese Lektion habe ich nicht hier auf der Engel-Akademie gelernt, sondern von einem menschlichen Wesen – einem Mädchen.
 

Ich wurde von Gott mit einer neuen Mission betraut. Er sagte mir:
 

„Gabriel, du hast einen sehr heiklen Auftrag. Ich sende meinen Sohn als Retter auf die Erde. Doch dazu muss er selbst ein Mensch werden. Deine Mission besteht darin, diesen Plan der jungen Frau anzukündigen, die ich als seine Mutter erwählt habe.
Ihr Name ist Maria. Sie lebt in der Stadt Nazareth in Galiläa. Und sie ist verlobt, das heißt, sie ist bereits für die Ehe versprochen, obwohl sie bis zur Hochzeitszeremonie in ein paar Monaten noch zu Hause wohnt. Und Gabriel — sie ist eine Jungfrau.“
 

Er fuhr fort, mir meine Rolle darin genauestens zu beschreiben mit allen Einzelheiten der Botschaft und Er schloß mit den Worten: „Gabriel, sei äußerst gefühlvoll.“
 

Ich traf auf Maria an einem Frühlingsmorgen, als sie den Pfad vom Brunnen hinauf stieg und zu der Stelle kam, wo ich auf einen großen Felsbrocken saß.
Sie ist ja noch ein Kind, dachte ich, als ich sie erblickte – vielleicht zwölf oder dreizehn. Verlobt in diesem Alter? Aber so war der Brauch damals und ich war sicher: Der Vater weiß, was er tut.
Als sie mich erreichte, stand ich würdevoll auf, bekleidet wie ich immer bin – mit einer langen weißen Robe, einer goldenen Schärpe und so weiter.
 

„Sei gegrüßt Maria“, begann ich.
 

Ihr stockte der Atem.
 

„Heil dir, du Begnadete! Der HERR ist mit dir!“
 

Sämtliche Farbe verschwand aus ihrem Gesicht. Ich deutete ihr an, sich zu setzen. Vorsichtig stellte sie den Wasserkrug auf den Boden, platzierte sich am anderen Ende des Felsbrockens und rutschte bist zum äußersten Rand.
 

„Hab´ keine Angst Maria“, sagte ich. „Du hast bei Gott Gnade gefunden.“
 

Ich wartete einen Moment, damit sie sich erst einmal beruhigen konnte.
 

„Du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären und sollst ihm den Namen Jesus geben.“
 

Sie schaute mich mit großen, verwunderten Augen an, aber ich fuhr fort:
 

„Dein Sohn wird ein bedeutender Mann, und Sohn des Höchsten genannt werden. Und noch
etwas, Gott der HERR wird ihm den Thron seines Vorfahren Davids geben und er wird als
Messias für immer über Israel herrschen. Seine Herrschaft wird kein Ende haben!“
 

Ich hielt inne. Diese Botschaft schockte mich. Unvorstellbar, welchen Eindruck das auf sie
gemacht haben muss. Eine Zeit lang war sie still. Dann fragte sie mit ihrer jungen Teenagerstimme:
 

„Wie soll das gehen? Ich bin doch noch gar nicht verheiratet.“
 

Ich antwortete ihr:
 

„Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.
Darum wird der Sohn, der dir geboren wird, auch heilig sein und Sohn Gottes genannt werden.“
 

Erstaunlich! Der Vater war dabei, sein gesamtes Christus-Unternehmen diesem jungen Mädchen zu überlassen – ihrer Reaktion, ihrer Laune, ihrer Entscheidung. Sie sollte die Mutter von Gottes eigenem Sohn sein – so jung. Ich beeilte mich, ihr noch mehr Sicherheit zu geben:
 

„Schau mal, selbst Elisabeth, deine Verwandte, ist in ihrem Alter noch schwanger geworden.“
 

Maria murmelte so etwas wie: „Was, die alte Elisabeth? Oh!“ Ich bemerkte ein flüchtiges
verschmitztes Lächeln in ihren Augen.
 

„Ja, es war allgemein bekannt, dass sie keine Kinder bekommen konnte – und obwohl sie
unfruchtbar war, ist sie jetzt schon im sechsten Monat.“
 

Jetzt schmunzelte Maria unbefangen übers ganze Gesicht. Doch plötzlich verschwand ihr Lächeln. Ich wusste nicht, was in ihrem Kopf vor sich ging. Ich konnte mir aber vorstellen, was sie sich gedacht haben musste.
Wie sollte sie das jemals jemanden erklären können? Wer würde das verstehen? Wer würde ihr glauben? Ihr Vater würde ausrasten, ihre Mutter wäre zutiefst verletzt. Und Joseph erst? Es würde keine Hochzeit geben. Ihr Traum von einer Ehe und Familie ist in einem Augenblick zerplatzt. Und die Stadtältesten? Würden sie gar versuchen, sie zu steinigen?
 

Für diesen Moment gab mir der Vater noch etwas, was ich ihr mitteilen sollte: „Bei Gott ist nichts unmöglich!“ „Gar nichts!“ betonte ich noch einmal.
 

Sie rührte sich nicht und war eine ganze Zeit lang in ihren Gedanken versunken. Dann schaute sie mich mit klaren Augen an uns sagte mit fester Stimme: „Hier bin ich. Ich bin die Magd des HERRN, seine Dienerin. Mir geschehe, wie du gesagt hast.“
 

Dann stand sie auf. Als sie den schweren Krug hochheben wollte, streckte ich mich aus, um ihr zu helfen. Aber sie schüttelte ihren Kopf und mit geschickten Handgriffen landete der Krug auf ihren Kopf. Mit sicheren Schritten stieg sie den Pfad zur Stadt hinauf. Oben auf dem Hügel hielt sie den Krug mit der einen Hand fest und winkte mit der anderen noch einmal zurück. Dann verschwand sie aus meinen Augen.
 

So war es, als ich Maria traf. Sie lehrte mich, was es heißt, ein Diener zu sein, und zwar wenn es schwer ist, gehorsam zu sein. Wenn es scheinbar keine Hoffnung gibt, wenn nichts weiter da ist, als Gottes Verheißung. Maria nahm diese Worte: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich“, und glaubte sie.
Wann immer ich damit kämpfe, gehorsam zu sein, denke ich an dieses junge Mädchen, welches ihre Reise ans Dienerin Gottes mit den Worten antrat: „Ich bin die Dienerin – die Magd des HERRN. Lass es geschehen, komme was wolle.“
 

Der große Engel rieb mit dem Finger die Ecke seines Auges, dann ging wieder zu seinem Platz und setzte sich. Gabriel hatte eine Lektion über Dienerschaft von einem größeren Diener gelernt, als er selbst war – ein junges Mädchen aus Nazareth mit Namen Maria.
 

Monat 12-2014 wugffo.de